{"id":370,"date":"2008-07-15T09:40:18","date_gmt":"2008-07-15T08:40:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.jocelyne-lopez.de\/blog\/?p=370"},"modified":"2008-07-15T18:52:05","modified_gmt":"2008-07-15T17:52:05","slug":"prof-dr-gerhard-vollmer-darf-man-falsches-lehren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.jocelyne-lopez.de\/blog\/2008\/07\/prof-dr-gerhard-vollmer-darf-man-falsches-lehren\/","title":{"rendered":"Prof. Dr. Gerhard Vollmer: Darf man Falsches lehren?"},"content":{"rendered":"<p>Nachstehend Ausz\u00fcge aus einem Vortrag auf der Fr\u00fchjahrstagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, Fachverband \u201e<em>Didaktik der Physik<\/em>&#8222;, der 1989 in der Zeitschrift: \u201e<em>Naturwissenschaften<\/em>&#8220; (76 -1989 S. 185-193) ver\u00f6ffentlicht wurde:<\/p>\n<blockquote>\n<blockquote><p><a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.ekkehard-friebe.de\/Falsches.html\">Prof. Dr. Gerhard Vollmer<br \/>\nDarf man Falsches lehren?<br \/>\nEine wissenchaftsdidaktische \u00dcberlegung<\/a><\/p>\n<p>Dass jemand bewusst Falsches lehrt, scheint sowohl die Ethik der Wissenschaft als auch die Pflichten des verantwortungsvollen Erziehers zu verletzen. Gleichwohl lehren wir regelm\u00e4\u00dfig Falsches, etwa Galileis Fallgesetze oder \u00fcberhaupt klassische Mechanik. Und unter genau angebbaren Bedingungen d\u00fcrfen wir das auch. Insbesondere muss die als falsch erkannte Theorie in anderen Hinsichten ausreichend brauchbar sein.<\/p><\/blockquote>\n<\/blockquote>\n<blockquote>\n<blockquote><p><strong>Eine Gewissensfrage? <\/strong><\/p>\n<p>Die Frage, ob man auch Falsches lehren d\u00fcrfe, wird zun\u00e4chst und spontan ein entschiedenes Nein hervorrufen. Es schiene sowohl der Wahrheitssuche der Wissenschaft als auch dem p\u00e4dagogischen Auftrag des Lehrenden zu widersprechen. Allerdings werden auch sofort einige Bedenken und Einw\u00e4nde auftauchen, Einw\u00e4nde freilich, die eher den Sinn und die Berechtigung der Frage als die verneinende Antwort betreffen. Sie sollten deshalb vorweg bedacht werden.<\/p>\n<p>Erstens wissen wir, dass wir &#8211; auch als Lehrer &#8211; nicht gegen Irrtum gefeit sind. Da wir fehlbar sind und da unser Wissen immer vorl\u00e4ufig bleibt, kann im Prinzip jedes Element unseres Lehrstoffs auch falsch sein. Wer Wissen vermittelt, der l\u00e4uft damit auch Gefahr, Irrt\u00fcmer weiterzugeben. Und wer, um dieses Risiko zu vermeiden, nur als sicher Erkanntes lehren wollte, der d\u00fcrfte \u00fcberhaupt nichts mehr lehren. Das Verbot oder die Weigerung, Falsches zu lehren, kann sich also nur auf bekannt Falsches beziehen. Und die Frage lautet eben genauer: Darf man bewusst Falsches lehren? Darf man etwas lehren, von dem man bereits wei\u00df, dass es falsch ist? Die spontane Antwort auf diese pr\u00e4zisierte Frage wird dann allerdings ein ebenso entschiedenes Nein sein.<br \/>\n[&#8230;]<br \/>\nDie Einsicht in die Fehlbarkeit unseres Wissens bedeutet nicht, dass wir nichts wissen und nichts wissen k\u00f6nnen. Sie zeigt nur, dass wir Sicherheit nicht als Merkmal eines angemessenen Wissensbegriffs ansehen sollten. Fordert man n\u00e4mlich, dass Wissen sicher sein m\u00fcsse (so dass \u201e<em>sicheres Wissen<\/em>&#8220; ein Pleonasmus, \u201e<em>fehlbares<\/em>&#8220; oder \u201e<em>Vermutungswissen<\/em>&#8220; dagegen ein Selbstwiderspruch w\u00e4re), dann schlie\u00dft die These von der Fehlbarkeit menschlichen Wissens ein, dass wir \u00fcberhaupt nichts wissen, und dies w\u00fcrde unserer Intuition doch allzu sehr widersprechen. Nicht einmal in der Wissenschaft g\u00e4be es dann Wissen; wenn aber hier nicht, wo sonst?<\/p>\n<p>Akzeptieren wir jedoch einen Wissensbegriff, der Fehlbarkeit zul\u00e4sst, dann k\u00f6nnen wir uns nat\u00fcrlich nicht nur dar\u00fcber irren, was wahr, sondern auch dar\u00fcber, was falsch ist. Und wir k\u00f6nnen dann auch wissen, dass etwas falsch ist, ohne dessen auch sicher sein zu m\u00fcssen. In diesem Sinne also stellen wir die Frage, ob man etwas lehren &#8211; und damit als wahr hinstellen &#8211; darf, von dem man wei\u00df, besser: zu wissen glaubt oder vermutet, dass es falsch ist. Und auch in diesem noch einmal pr\u00e4zisierten Sinne wird man die Frage wieder mit einem spontanen Nein beantworten. Schiene es doch das wissenschaftliche Ethos zu verletzen, wenn man \u201e<em>wider besseres Wissen&#8220; Falsches lehren wollte<\/em>.&#8220;<br \/>\n[&#8230;]<br \/>\nUnsere Ausgangsfrage darf nun so interpretiert werden: Darf der Lehrende Aussagen als wahr hinstellen, von denen er wei\u00df, dass sie mit der Wirklichkeit nicht \u00fcbereinstimmen, dass sie die Tatsachen nicht angemessen beschreiben? Auch hierauf wird die Antwort ein vielleicht nicht mehr so spontanes, aber doch wohl immer noch entschiedenes Nein sein. Ob und inwieweit dieses Nein berechtigt ist, soll dann Gegenstand der folgenden Betrachtungen sein. [&#8230;]<\/p>\n<p>(Prof. Dr. Gerhard Vollmer)<\/p><\/blockquote>\n<\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachstehend Ausz\u00fcge aus einem Vortrag auf der Fr\u00fchjahrstagung der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, Fachverband \u201eDidaktik der Physik&#8222;, der 1989 in der Zeitschrift: \u201eNaturwissenschaften&#8220; (76 -1989 S. 185-193) ver\u00f6ffentlicht wurde: Prof. Dr. Gerhard Vollmer Darf man Falsches lehren? 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