{"id":141,"date":"2007-12-06T10:23:38","date_gmt":"2007-12-06T09:23:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.jocelyne-lopez.de\/blog\/?p=141"},"modified":"2007-12-06T10:24:59","modified_gmt":"2007-12-06T09:24:59","slug":"karl-popper-die-unmenschlichkeit-der-unfehlbarkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.jocelyne-lopez.de\/blog\/2007\/12\/karl-popper-die-unmenschlichkeit-der-unfehlbarkeit\/","title":{"rendered":"Karl Popper: Die Unmenschlichkeit der Unfehlbarkeit"},"content":{"rendered":"<p>Der alte Imperativ f\u00fcr den Intellektuellen ist: Sei eine Autorit\u00e4t. Wisse alles in Deinem Gebiet. Wenn Du einmal als Autorit\u00e4t anerkannt bist, dann wird Deine Autorit\u00e4t auch von Deinen Kollegen besch\u00fctzt werden und Du mu\u00dft nat\u00fcrlich Deinerseits die Autorit\u00e4t Deiner Kollegen besch\u00fctzen. Ich brauche kaum zu betonen, da\u00df diese alte, professionelle Ethik immer schon intellektuell unredlich war. Sie f\u00fchrt zum Vertuschen der Fehler um der Autorit\u00e4t willen, insbesondere auch in der Medizin. Ich schlage deshalb eine neue Berufsethik vor, und nicht nur f\u00fcr Naturwissenschaftler. Ich schlage vor, sie auf folgende zw\u00f6lf S\u00e4tze zu gr\u00fcnden, mit denen ich schlie\u00dfe:<\/p>\n<p>1. Unser objektives Vermutungswissen geht immer weiter \u00fcber das hinaus, was ein Mensch wissen kann. Es gibt daher keine Autorit\u00e4ten. Das gilt auch innerhalb von Spezialf\u00e4chern.<\/p>\n<p>2. Es ist unm\u00f6glich, alle Fehler zu vermeiden oder auch nur alle an sich vermeidbaren Fehler. Fehler werden dauernd von allen Wissenschaftlern gemacht. Die alte Idee, da\u00df man Fehler vermeiden kann und daher als Autorit\u00e4t verpflichtet ist, sie zu vermeiden, mu\u00df revidiert werden. Sie ist selbst fehlerhaft<\/p>\n<p>3. Nat\u00fcrlich bleibt es unsere Aufgabe, Fehler nach M\u00f6glichkeit zu vermeiden. Aber gerade, um sie zu vermeiden, m\u00fcssen wir uns vor allem klar dar\u00fcber werden, wie schwer es ist, sie zu vermeiden und da\u00df es niemand v\u00f6llig gelingt. Es gelingt auch nicht den sch\u00f6pferischen Wissenschaftlern, die von ihrer Intuition geleitet werden. Die Intuition kann auch irref\u00fchren.<\/p>\n<p>4. Auch in den am besten bew\u00e4hrten unter unseren Theorien k\u00f6nnen Fehler verborgen sein. Und es ist die spezifische Aufgabe des Wis\u00adsenschaftlers, nach solchen Fehlern zu suchen. Die Feststellung, da\u00df eine gut bew\u00e4hrte Theorie oder ein viel verwendetes praktisches Ver\u00adfahren fehlerhaft ist, kann eine wichtige Entdeckung sein.<\/p>\n<p>5. Wir m\u00fcssen deshalb unsere Einstellung zu unseren Fehlern \u00e4ndern. Es ist hier, wo unsere praktische ethische Reform beginnen mu\u00df.<\/p>\n<p>6. Denn die alte berufsethische Einstellung f\u00fchrt dazu, unsere Fehler zu vertuschen und zu verheimlichen und so schnell wie m\u00f6glich zu vergessen.<\/p>\n<p>7. Das neue Grundgesetz ist, da\u00df wir &#8211; um zu lernen, Fehler m\u00f6glichst zu vermeiden &#8211; gerade von unseren Fehlern lernen m\u00fcssen. Fehler zu vertuschen ist daher die gr\u00f6\u00dfte intellektuelle S\u00fcnde.<\/p>\n<p>8. Wir m\u00fcssen deshalb dauernd nach unseren Fehlern Ausschau halten. Wenn wir sie finden, m\u00fcssen wir sie uns einpr\u00e4gen, sie nach allen Seiten analysieren, um ihnen auf den Grund zu gehen. Die selbstkritische Haltung und die Aufrichtigkeit werden damit zur Pflicht.<\/p>\n<p>9. Da wir von unseren Fehlern lernen m\u00fcssen, so m\u00fcssen wir es auch lernen, es anzunehmen, ja, dankbar anzunehmen, wenn andere uns auf unsere Fehler aufmerksam machen. Wenn wir andere auf ihre Fehler aufmerksam machen, so sollen wir uns immer daran erinnern, da\u00df wir selbst \u00e4hnliche Fehler gemacht haben wie sie. Und wir sollen uns daran erinnern, da\u00df die gr\u00f6\u00dften Wissenschaftler Fehler gemacht haben. Ich will sicher nicht sagen, da\u00df unsere Fehler gew\u00f6hnlich entschuldbar sind. Wir d\u00fcrfen in unserer Wachsamkeit nicht nachlassen. Aber es ist menschlich unvermeidbar, immer wieder Fehler zu machen.<\/p>\n<p>10. Wir m\u00fcssen uns klar werden, da\u00df wir andere Menschen zur Entdeckung und Korrektur von Fehlern brauchen und sie uns. Insbesondere auch Menschen, die mit anderen Ideen in einer anderen Atmosph\u00e4re aufgewachsen sind. Auch das f\u00fchrt zu Toleranz.<\/p>\n<p>11. Wir m\u00fcssen lernen, da\u00df Selbstkritik die beste Kritik ist, da\u00df aber die Kritik durch andere eine Notwendigkeit ist. Sie ist fast ebenso gut wie Selbstkritik.<\/p>\n<p>12. Rationale Kritik mu\u00df immer spezifisch sein. Sie mu\u00df spezifische Gr\u00fcnde angeben, warum spezifische Aussagen, spezifische Hypothesen falsch zu sein scheinen oder spezifische Argumente ung\u00fcltig. Sie mu\u00df von der Idee geleitet sein, der objektiven Wahrheit n\u00e4her zu kommen. Sie mu\u00df in diesem Sinne unpers\u00f6nlich sein.<\/p>\n<p>(Karl Popper)<\/p>\n<p><u>Quelle<\/u>:<\/p>\n<p>Niederschrift eines Tonband-Mitschnitts einer Fernsehsendung des Zweiten \u00d6ster\u00adreichischen Fernsehens (ORF 2) am Mittwoch, den 28. Juli 1982, um 23.05 Uhr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der alte Imperativ f\u00fcr den Intellektuellen ist: Sei eine Autorit\u00e4t. Wisse alles in Deinem Gebiet. Wenn Du einmal als Autorit\u00e4t anerkannt bist, dann wird Deine Autorit\u00e4t auch von Deinen Kollegen besch\u00fctzt werden und Du mu\u00dft nat\u00fcrlich Deinerseits die Autorit\u00e4t Deiner Kollegen besch\u00fctzen. 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